Seid ca. 40 Jahre bin ich mit der selbstverwalteten Kölner „Stadtrevue“ verbunden. Nach einer Insolvenz in Eigenregie im Jahre 2025 hat sie sich jetzt neu aufgestellt, gehört jetzt einer Genossenschaft und wird durch den Verein Stadtrecherche unterstützt. Ich bin Mitglied des Vereines und Genosse. Auf der 1. Versammlung der Genossenschaft hat der Journalist Jürgen Salm eine Rede gehalten, die über die Stadtrevue hinaus die Entwicklung der Medienlandschaft skiziert. Diese wird im folgenden dokumentiert.
Eberhard Reinecke
50 Jahre sind eine lange Zeit. Vor 50 Jahren wurde in Venezuela die Ölindustrie verstaatlicht und in Deutschland die Gurtpflicht eingeführt. Vor 50 Jahren wurde Ulrike Meinhof in Stuttgart-Stammheim in ihrer Zelle erhängt aufgefunden. Vor 50 Jahren demonstrierten bei der sogenannten Schlacht um Brockdorf 30.000 Menschen gegen die Atomenergie, und vor 50 Jahren begann im Apartheidsstaat Südafrika der Aufstand von Soweto.
50 Jahre sind eine sehr lange Zeit. Das sieht man auch an der Stadtrevue, die vor 50 Jahren gegründet wurde. Die Welt war im Umbruch, und da wollte man nicht nur zuschauen, sondern auch dabei sein: Als laute Stimme der Gegenöffentlichkeit, wie man das damals nannte.
Seitdem hat es wieder ein paar Umbrüche gegeben. Dazu gehört, was manchmal als Vibe Shift bezeichnet wird, ein Stimmungsumschwung hin zu konservativen und rechtspopulistischen Positionen. Und diese Verschiebung nach rechts macht sich auch in den Medien bemerkbar. Aktuelles Beispiel: Die Wochenzeitung „Die Zeit“ sucht dringend konservative Journalisten. Bei einem sogenannten Medien Camp vor Nachwuchsjournalisten sagte Co-Chefredakteur Jochen Wegner Ende April – Zitat: „Wer Christian Lindner schon mal gut fand, ist für uns eine interessante Person.“ Und weiter: „Wir haben hundert Leute, die in Kommentaren progressive Positionen vertreten können.“ Knapp seien aber „etwa 25-Jährige, die Friedrich Merz verteidigen.“ Zitat Ende.
Ich wünsche der Chefredaktion der ZEIT viel Glück bei der Suche, denn das wird nicht leicht. Konservative junge Menschen interessieren sich nämlich für Jobs, mit denen sie anständig Geld verdienen können, und werden deshalb keine Journalisten. Augen auf bei der Berufswahl! Und wenn junge Menschen Christian Lindner gut finden, werden sie erst recht nicht Journalisten, sondern eher Autohändler.
Doch nicht nur bei der ZEIT gibt es die Tendenz, konservative Stimmen noch vorne zu schieben. Ein anderes Beispiel: Ende März gab Bundesbildungsministerin Karin Prien bekannt, dass die Förderung von 200 Projekten im Programm „Demokratie leben!“ bereits zum Jahresende ausläuft. Zur Begründung sagte Prien, man müsse bei der Förderung „mehr auf die Mitte der Gesellschaft zielen“. Betroffen von den Kürzungen sind viele bekannte NGOs, darunter die Amadeo-Antonio-Stiftung in Berlin, die Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt und die Kölnische Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit. Der Kölner Stadt-Anzeiger begrüßte den Stopp der Förderung. In dem Leitartikel vom 25 April heißt es, die stark gewachsene Zustimmung zur AFD zeige, dass das Programm „Demokratie leben“ nicht sonderlich effektiv war. Bestechende Argumentation! Auch die Zahl der Drogenabhängigen ist in den letzten Jahren stark gestiegen. Ist das jetzt ein Beleg dafür, dass die Beratungsstellen gegen Suchtgefahren nutzlos sind? Dass man also ihre Finanzierung einstellen sollte?
Der Autor des Leitartikels, Ludwig Greven, ist kein Redakteur beim Kölner Stadt-Anzeiger, sondern freier Journalist. Ich gehe davon aus, dass die Mehrheit der Redakteurinnen und Redakteure dessen Meinung nicht teilt. Aber warum lässt die Chefredaktion ihn den Leitartikel schreiben? Um den konservativen Leserinnen und Lesern ein kleines Hallo zu schenken? Um zeigen, dass woke nicht mehr angesagt ist?
Und jetzt zur Stadtrevue. An Haltung hat es ihr nie gefehlt, ganz im Gegenteil. Im Oktober 1991 haben wir schon einmal gefeiert, damals waren es 15 Jahre Stadtrevue. Für die Jubiläumsausgabe haben wir einige Zeitgenossinnen- und -genossen um Feedback gebeten. Das fiel dann sehr unterschiedlich aus. Der Kölner Medienkritiker Dietrich Leder bescheinigte der Stadtrevue unter den von ihm gelesenen Zeitungen und Zeitschriften – Zitat „das höchste Maß an Überraschungslosigkeit“. So ganz Unrecht hatte er damit nicht. Zu oft verstand sich die Revue als Sprachrohr der verschiedenen sozialen Bewegungen. Mit dem Mangel an Distanz und Perspektivenvielfalt fehlte dann auch die nötige Reibungsfläche und Spannung.
Ganz so schlecht kann die Stadtrevue aber auch nicht gewesen sein. Denn im Unterschied zu allen anderen linken und selbstverwalteten Stadtzeitungen hat sie überlebt. Und die Hochglanz-Magazine, die Zeitungskonzerne in Köln gegen die Stadtrevue in Stellung brachten, der „Prinz“ und die „Kölner Illustrierte“, sind kläglich gescheitert. Gegen die ach so langweilige Stadtrevue hatten sie keine Chance. Die Kunsthistorikerin und ehemalige Bundesvorsitzende der Grünen, Verena Krieger, schrieb in ihrem Jubiläumsbeitrag: „Selten kommt es vor, dass ich die Stadtrevue gelangweilt aus der Hand lege. Sie trifft offenkundig die Bedürfnisse, die ich als politisch, kulturell und an Unterhaltung interessierte Frau an ein links-politisches Stadtmagazin richte. Zwar bin ich nicht himmelhochjauchzend, wenn das neue Heft erscheint, aber ich kaufe es mir sofort. Die Stadtrevue gehört eben zum Alltag, sie hat einen Gebrauchswert.“
Seitdem sind weitere 35 Jahre vergangen. Aus meiner Sicht ist die Stadtrevue erwachsener geworden und auch professioneller. Geblieben ist ein kritischer Journalismus, ohne den es die Stadtrevue nicht mehr geben würde. Ja, ein Journalismus mit Haltung. Nun ist das ein Begriff, der in Verruf geraten ist, weil behauptet wird, Journalisten müssen objektiv sein und dürften keine Haltung haben und schon gar nicht zeigen. Und dann wird gerne ein Satz zitiert, den der ehemalige Tagesthemen-Moderator Hanns Joachim Friedrichs gesagt haben soll: „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache.“
Als Maßstab für guten Journalismus hat Hanns-Joachim Friedrichs diesen Satz aber so nie gesagt und schon gar nicht so gemeint. Der Satz fiel in einem Spiegel-Interview 1995 kurz vor seinem Tod. Da wurde er gefragt, ob ihn gestört habe, dass er als Moderator ständig „den Tod“ habe präsentieren müssen. Nein, war seine Antwort. Während seiner fünf Jahre bei der BBC in London habe er gelernt – Zitat: „Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, nicht in öffentliche Betroffenheit versinken, im Umgang mit Katastrophen cool bleiben, ohne kalt zu sein.“
Der viel zitierte Satz von Friedrichs bezog sich also nicht auf den Journalismus im Allgemeinen, sondern auf seine Rolle beim Verlesen bestürzender Nachrichten. Gegen einen Journalismus mit Haltung war Hanns-Joachim Friedrichs keineswegs: So verachtete er Journalisten wie den ZDF-Chefredakteur Reinhard Appel und nannte ihn in seiner Autobiografie einen – Zitat „Propheten der Ausgewogenheit, der brotlosen Kunst, es allen recht zu machen“.
Die Stadtrevue hat die brotlose Kunst der Ausgewogenheit immer schon anderen überlassen. In Zeiten, wo alles niedergemacht wird, was im Verdacht steht, woke zu sein, also sensibel für Machthierarchien und engagiert gegen alle Formen der Ausgrenzung, ist die Stimme der Stadtrevue wichtiger denn je. Mit einem Journalismus, der auf Fakten setzt, aber auch auf politische und ethische Maßstäbe, mit denen politisches Handeln bewertet wird. Man könnte das werteorientierten Journalismus nennen oder eben: Journalismus mit Haltung.